Griechenland

Durch Griechenland: Florina – Paros

4. September

Früher Flug nach Thessaloniki. Um 10 Uhr morgens landen wir und nehmen gleich den nächsten Bus nach Florina. Von da aus wollen wir an die Prespas-Seen an der Grenze zu Albanien und Mazedonien. Nicht ganz einfach, wie wir schnell feststellen.

Der Bus fährt erst am Freitag wieder und unsere Autostopp-Versuche scheitern kläglich. Nur wenige Fahrzeuge kommen vorbei, und wenn, dann biegen sie an der nächsten Ecke nach Hause ab.

Wir suchen uns ein Hotel in der kleinen Innenstadt. Erst mal etwas ruhen nach der langen Reise. Es dämmert bereits, als wir uns auf unsere erste Erkundungstour machen. Florina gefällt uns gleich. Als wir vorhin auf der Strasse die Daumen in die Höhe reckten, sah das Städtchen verlassen aus. Jetzt lebt es.

Die Hauptader ist eine kleine Strasse voller Lounges, Cafés und Bars. Die Griechen sind Kaffee-Narren. Entweder sitzen sie zusammen am Tischchen und schlürfen ihren Espresso on Ice oder eilen durch die Gassen, in der Hand einen Becher mit gekühltem Cappuccino.

 

Es ist unser erster Abend. Wir gönnen uns in einem kleinen Restaurant köstliche Poulet- und Gemuese-Souvlakis, gefüllte Aubergine und einen erfrischenden Salat. Zurück im Hotel hilft uns ein kleiner Ouzo, die ölige Speise zu verdauen.

5. September

Gestern Abend korrigierte ich via E-Mail Thomas‘ Bericht über den „Weltenbummler Simon Hasenfratz“ für die AZ. Irgendwo konnte ich lesen, dass „Simon kein Tausendsassa ist, der grossen Luxus kennt“.

 

Ich liege auf meinem grossen Hotelbett. Draussen auf dem Balkon haben wir besten Ausblick auf die Stadt und die Berge, die sie umgeben. Nun, manchmal mache auch ich Urlaub von meinem sonst so entbehrungsreichen Lebensstil.

Unser Zimmer liegt perfekt. Aus dreissig Metern Höhe habe ich einen einmaligen Blick auf die Menschen, die durch das Städtchen schlendern oder einfach etwas herumstehen. Und rauchen. Das ist mir gestern schon aufgefallen. Nirgends diese hässlichen Verbotstafeln, die Raucher in Lokalen und öffentlichen Gebäuden davon abhalten sollen, ihren Bedürfnissen nachzugehen. Alle dürfen sie hier. Auch im Hotelzimmer steht ein Aschenbecher bereit.

Unten an einem Strommast hängen Plakate und Werbungen. Ich beobachte einen älteren Herren, der sich eines ansieht. Ist es wohl sein Wahlplakat? Das veraltet ist? Oder passt ihm nicht, was darauf zu lesen ist? Mit Sicherheit kann ich es nicht beurteilen, da die Szene zu weit weg stattfindet. Ausserdem ist griechisch nur schwer zu entziffern.

 

Der Herr reisst es mit einer ruckartigen Bewegung runter, zerknüllt es zu einem ansehnlichen Ball, den er zu Boden fallen lässt und mit einem diskreten Kick in einer Ecke verschwinden lässt. Dann verschränkt er die Hände auf dem Rücken, blickt nach links, nach rechts und überquert mit unbeteiligter Miene die Strasse.

Die Altersklassen fallen auf. Einerseits viele Kinder und junge Leute. Andererseits – vor allem männliche – Alte, die sich in einem der zahlreichen Cafés oder auf der Strasse treffen. Dazwischen alle Anderen. Mütter mit Kinderwagen, Handwerker, Taxi-Fahrer. Die Stadt gefällt mir. Die Leute scheinen zufrieden mit sich. Sie lächeln. Haben, was sie brauchen.

 

Auch der Himmel strahlt in reinstem Blau. Nicht nötig, dass ihn ein Wölkchen ziert. Die Sonne wärmt, sie sängt nicht. Klar, dass auch sie zur Lebensfreude beiträgt.

Dennoch. Ich möchte die Menschen und ihren Alltag bloss kurz berühren. Flüchtig streifen und Teil von ihnen sein. Nie möchte ich tauschen. Nirgends bleiben, immer weiterziehen. Wie eine endlose Geschichte.

8. September

 

Sie sind mir schon lange durch den Kopf gegeistert. Als ich das erste Mal Bilder von ihnen sah, tippte ich auf China. Riesige kahle Felsen, auf denen man an den unmöglichsten Stellen Klöster hingestellt hat. Ich lag falsch. Die Meteora-Klöster liegen nicht in China, sondern im Innern Griechenlands.

Und nun endlich türmen sich die gewaltigen Steinbrocken vor uns auf. Am frühen Morgen brechen wir auf eine Wanderung durch die Felsen auf. Zwar ist die Gegend eindrücklich, nur können wir uns anfangs nicht recht auf sie konzentrieren. Ein ganzer Schwarm von Bremsen umlagert uns und sticht sofort zu, sobald wir aufhören, mit unseren Armen wild in der Luft umherzufuchteln.

Bald aber steht die Sonne höher am Himmel und die surrende Invasion verschwindet. Die Aussichten sind schlichtweg grandios. Alleine die Felsgiganten können einem die Sprache verschlagen. Wenn ich mir dann noch die Mühsal vorstelle, an solch exponierten Lagen ganze Burgen hinzubauen… Unbeschreiblich!

Wie überall, wo sich Schönheit zu erkennen gibt, trübt auch hier der Massentourismus das Bild. Zu einigen Klöstern hinauf gibt es Verbindungsstrassen. PWs und Tour-Busse stehen auf den Parkplätzen vor den Klöstern. Eine mit Kameras bewaffnete Meute schleicht herum. Wir ziehen es vor, dieses Spektakel zu meiden und flüchten in die Spalten der Felsen zurück. Hier treffen wir nur auf wenige Wanderer. Die steilen Pfade entlang zu klettern wird manchmal zur Tortur. Die Ausblicke und die Ruhe der Natur entlohnen hingegen allemal.

10. September

 

Eine frühe vierstündige Zugfahrt bringt uns von Kalabaka nach Athen. Wir schlendern durch die Strassen und erinnern uns an unsere letzte Ankunft in der griechischen Hauptstadt. Das war mitten in der Nacht. Nachdem wir schnell ein Hotel gefunden hatten, entschlossen wir uns zu einem nächtlichen Streifzug durch die fremden Gassen bis hinauf zur Akropolis. Wir verbrachten eine wunderbare Nacht.

 

Jetzt ist es noch hell. Unglaublich wie viele verwahrloste Menschen wir sehen. Armut und Drogen – ein endgültiges Gemisch. Manchmal wie Zombies, kaum imstande auf den Beinen zu bleiben, stechen sie unter den anderen Städtern hervor.

 

Hier trauten wir uns in die Nacht hinaus? Waren wir damals sorgloser oder hat sich die Situation so verschlimmert? Fiel es uns einfach nicht auf? Keine Frage. Heute bleiben wir zu Hause. Auf dem Weg zurück zum Hotel versuchen wir uns nicht zu verirren.

 

Auf dem Weg von Athen nach Paros

11. – 18. September

 

Nach fast fünf Stunden auf der Fähre treffen wir endlich auf Paros ein. Wir merken schnell, dass hier die Sonne nun doch brennt. Ohne den Wind, der oft über die Insel bläst, wäre sie kaum auszuhalten. Erst abends, wenn sie sich langsam dem Horizont zuneigt, wird es angenehm kühl.

Das sind die Stunden, in denen wir uns meist in Yannis‘ Café in Piso Livadi setzen. Vrohas Café. Kaum angekommen zeigt er uns erstmal den Kühlschrank hinter der Bar: „Hier. Bedient euch. Ihr seid hier zu Hause!“ Keine Widerrede.

Yannis Vrohas lernten wir zusammen mit Agelos und Nikos (der auf Korfu eine Bar führt) in Mexiko kennen. Wir lachten selten so viel wie in jener Zeit. Hier beweisen sie, dass Herzlichkeit in ihrer Natur liegt.

Yannis wie auch Agelos sind meist nur saisonal in Griechenland. Das Winterhalbjahr verbringen sie gerne zusammen oder individuell in Indien oder sonst wo auf der Welt, wo es ihnen ihr wenig Erspartes erlaubt, hinzureisen.

In diesen Jahren sieht es im krisengeschüttelten Griechenland nicht so rosig aus. Dennoch vermögen die schwierigen Zeiten den griechischen Optimismus kaum zu trüben. Eher im Gegenteil. Die Krise schweisst sie noch mehr zusammen.

Wir kommen zur richtigen Zeit. Der sommerliche Hochbetrieb auf der Insel ist vorüber. Tags nach unserer Ankunft kommen wir in den Genuss einer Bootstour mit Yannis, Agelos und vielen ihrer Freunde. Das Meer leuchtet in den verschiedensten Blautönen. Ich habe es selten so klar und sauber erlebt. Den ganzen Tag kurven wir den Inseln entlang, schwimmen durch Höhlen, springen von Felsen.

 

Nach ausgiebigem Mahl und nicht endendem Trunk kehren wir erst abends um halb elf wieder im Hafen von Piso Livadi ein. Ein kleiner Schönheitsfehler ganz zum Schluss: Beim Einparkieren verhadert sich die Schiffsschraube im Ankerseil eines anderen Boots. Unser Capitan muss tauchen gehen und bekommt die Schraube nur mit Mühe wieder frei.

Agelos und Yannis

Essen, trinken, singen und feiern. Das können die Griechen gut. Noch oft laden uns unsere Freunde zu dieser und jener Festlichkeit ein. Davon, dass wir auch mal etwas mitbezahlen, wollen sie nichts wissen. Ich habe es mehr als ein Mal versucht. Am Schluss traute ich mich kaum noch, das Portemonnaie zu zücken.

19. September

 

Wir brechen am Morgen zum Athener Flughafen auf und fliegen nach Mailand, wo uns der Zug zurück in die Schweiz chauffiert.

Wir gestehen: Ein kurzer Urlaub vor dem anstrengenden Reisen hat was. Jetzt wissen wir ziemlich genau, was noch und was nicht auf unseren Südamerika-Trip mitkommt. Ich befürchte, unsere Rucksäcke werden am 3. Oktober zum Bersten voll sein!

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