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Indien - Nimmerwo
Indien

Indien

Holi – Das Farbenfest

Wir sind nun in Arambol, ein Ort etwas nördlich des letzten, des Ashvem Beachs, wo wir uns kürzlich von Ben und Shreya verabschiedet haben.
Hier wimmelt es von Touristen, Dreadlock-Köpfen und Russen. So sind fast alle Menüs und Schilder auf Russisch angeschrieben.
Einmal werden wir von einem liebenswürdigen, aber total besoffenen Typen auf Russisch vollgequatscht. Er redet im Dauerschwall für eine Viertelstunde. Und stibitzt ganz nebenbei Simons Bier, worüber Simon diesmal froh ist, denn das Bier schmeckt ihm nicht. Als dann unser Essen kommt, steht er auf, brabbelt etwas und schwankt davon.

Arambol

Heute ziehen wir unsere ältesten Kleider an, um auf die Strasse zu gehen. Es ist Holi-Fest, das jährliche Farben-Fest Indiens. Am Morgen früh hört man bereits das Gekreische der Kids draussen. Nervtötende Goa-Musik dröhnt vom Nachbar aus alten Boxen.

Wir machen uns auf den Weg zum Strand. Und bereits nach der ersten Kurve, dort wo ein wurzliger heiliger Banyan-Baum steht, werden wir höflichst angehalten. Beide Hände voll Lila Pulver wird uns ins Gesicht geklatscht. Wie immer die Hand geschüttelt, einander „Happy Holi“ gewünscht und weiter geht es des Weges, auf der Suche nach dem nächsten Opfer, das schon im Sichtfeld auftaucht.

Alle paar Meter werden wir am Strand in allen Farben bemalt. Als Simon einmal baden geht, um sich reinzuwaschen und den Farben-Wütigen eine neue Malfläche zu bieten, kommt ein ca. 50-jähriger Inder auf mich geflogen. Urplötzlich ist er da und landet beinahe auf mir, ich sitzend am Boden. Ich stosse ihn auf die Seite. Da stehen schon drei weitere Typen vor meiner Sicht aufs Meer. Mit Farbbeutel in den Händen und „Foto, Foto“ auf der Zunge.


Einer der Typen, der durch seine langen schwarzen Haare und schwarzem Shirt einem Metaller gleicht, erklärt mir, dass zwei der drei taubstumm sind. Wir beschmieren uns, machen Fotos und sie ziehen fröhlich weiter.
Für mich sind all die total offenen Begegnungen wunderschön! Man geht ohne das mindeste Zögern auf Fremde zu, als würde man sich schon länger kennen und man behandelt sich mit Respekt.


Der indische Tiefflieger sitzt immer noch am Boden, als Simon zurückkommt und ein Foto von mir schiesst. Solche Begegnungen wären hingegen nicht nötig. Doch in Goa scheinen indische Männer einsame, weisse Frauen fürs Fressen gerne zu haben. So darf man nicht zurückschrecken, auch mal ein Nein zu schreien, wenn die Vernunft nicht hilft. Zähnefletschen wird auch von solchen Typen verstanden!!
Völlig erschöpft, meerwassernass und leicht farbig gönnen wir uns ein grosses Kingfisher-Bier und tibetische Momos.

Holifest

Holi ist das Frühlingsfest der Hindus. Mit ihm begrüssen viele Hindus den Neustart der Natur. Gleichzeitig feiern sie den Sieg des Guten über das Böse.
Dieses Fest feiern alle Inder/innen zusammen, das Kastensystem und gesellschaftlicher Status verschwindet, Ausländer mischen sich unter die Einheimischen – denn knallbunt bespritzt sehen sowie alle gleich aus.
Schon am Vorabend des Holi-Tages kommen viele Hindus zusammen. Eine Puppe aus Holz oder Stroh wird verbrannt. Die Puppe heißt Holika, benannt nach der dämonischen Schwester des Königs Hiranyakashyap aus der Hindu-Mythologie. Sie steht für das Böse. Das Feuer, das sie verbrennt, soll alle bösen Geister in die Flucht schlagen, die Besucher/innen des Festes von ihren Sünden und von ihrem Unwissen befreien und alte Streitigkeiten beseitigen.

Die Kühe von Agonda

Wir wollen uns in Agonda ganz im Süden Goas für eine Woche einquartieren. Für diesen Anlass haben wir uns ein geräumiges Appartement im Airbnb gesucht. Das Quartier, in dem es liegt, erinnert mich an ein Bergdorf mit einfachen Hütten, Ställen, Ziegen, Hühner und alten Menschen.

Die Wohnung selbst ist ein Schreck. Wie kann man so etwas überhaupt noch einem Menschen ohne Scham vermieten? Die zwei Sessel und das Sofa sind zerbrochen, das Sitzpolster verrissen und gruselig. Die Küche dreckig und die Pfannen so alt, dass sogar ich neue Sachen kaufen würde. Zum Glück ist das Badezimmer und das Bett ok. Aber eine Woche hier? Nein danke.
Noch am selben Tag ziehen wir los, auf der Suche nach einem neuen Ort. Leider gibt es hier einfach keine Zimmer, wo nebst dem Bett auch noch etwas anderes Platz hätte. Alles sehr eng. Das einzige Apartment, das wir finden, ist eine grosse Wohnung für 4–6 Menschen, demnach auch der Preis.

Am Schluss stehen zwei Zimmer zur Auswahl. Welches davon bietet einen Fussbreit mehr Platz? Wir können uns nicht entscheiden, gehen erst mal essen, stornieren unser heruntergekommenes Zuhause und werden morgen entscheiden.
Am nächsten Morgen hat die Welt für uns entschieden. Das eine Zimmer ist nun vermietet.

Der kleine Ort Agonda besteht aus einer zwei Kilometer langen Strasse, die parallel zum gleichlangen Strand läuft. Die Strasse ist vollgepackt mit Schmuck-, Kleider- und Gewürzläden sowie etlichen Restaurants und Bars. Mit der Zeit lernen wir Mensch und Kuh kennen.

Royal Enfield – Die stilvolle Fortbewegungsvariante

Für tausend Rupies (gut 10 Fr.) pro Tag kann man sich so eine Maschine, umgangssprachlich Bullet genannt, leihen. Das Geknatter ist toll.

Wir fahren los ins Inland, Richtung Süden, da dort keine Polizei steht. Besitzt man den korrekten internationalen Führerschein mit dem Kreuz am richtigen Ort und der Fahrer trägt einen Helm auf dem Kopf, hat man eigentlich nichts zu befürchten. Trotzdem klopft das Herz jedes Mal bei Sicht auf die Polizei, da es so normal ist, wie es Sterne im Himmel hat, dass ein Tourist auf einem Gefährt zur Gabe irgendeiner Geldsumme aufgefordert wird. Wir haben Glück und kommen ohne davon.
Im Inland gibt es mehrere Wasserfälle und Schutzwälder. Doch es hat seit Monaten nicht geregnet. Die Wasserfälle sind nur Pfützen und der Wald eine staubige Angelegenheit, wo sich alle Tiere ein tiefes Loch in den Boden gegraben haben, um sich vor der Hitze zu verstecken.
Also fahren wir einfach umher. Das ist sowieso am angenehmsten wegen des Windes und am tollsten durch das Geratter.

Zugfahrt nach Kozhikode (Calicut)

Wir wagen es, wir wollen eine Zugfahrt! Denken wir und buchen ein Ticket im Infobüro. Selber Buchen funktioniert, wie so vieles, nur mit einer indischen Telefonnummer, die wir nicht haben. Und welche auch kompliziert ist zu kriegen. Indische Bürokratie erweist sich als eher anstrengend.
Sogar in einem Laden etwas zu kaufen, kann dazu führen, dass man seinen Namen, Telefonnummer, Nationalität etc. angeben soll. Das erinnert mich an den Antrag für das indische Visum. Mehrere Seiten voller Fragen mussten wir beantworten. Bis zu, in welchem Ort unsere Eltern geboren wurden und welche Länder wir in den letzten zehn Jahre bereist haben. Wir konnten es kaum glauben. Wer soll das alles lesen wollen?

Die Zugreise stellen wir uns etwa so vor, wie es die Filme zeigen. Eine Masse von Menschen, die sich alle in den Zug zwängen. Und man dann eng aneinander gedrückt, schwitzend, die Babys schreiend, neun Stunden so durch die staubige Landschaft fährt. Doch uns erwartet alles andere.

Bahnhof Margao, Goa

Es sind komplett normale Zustände. Wir könnten auch in einem Zug in Europa sein, wären da nicht die Chai- und Biryani- (Reisgericht) Verkäufer. Wir haben ein Sechsplätzer-Abteil für uns alleine.

Eine Reisende erzählt uns später von ihrer Fahrt, als sie den Anschlusszug verpasste und nur noch in der tieferen Klasse Platz fand. „Wir waren nicht Sardine an Sardine, wir waren eher wie gummige Jellys ineinander verflochten.“

Föörig Platz!! Obwohl: Der Typ sieht etwas zusammengequetscht aus.

Was wir lernen ist, dass bei Überschreiten des Bundesstaates in einem Taxi Zusatzkosten anstehen. Man sollte den Bahnhof im selben Bundesstaat anpeilen, wenn er nicht viel weiter weg ist. Die Reservation des Sitzplatzes ist ein Muss, umso früher, desto besser. Züge sind in Indien sehr schnell ausgebucht. Ausserdem wählten wir direkte Züge, da diese oft verspätet sind und wir keinen Anschluss verpassen wollten.

Ramadan im Dorf am Fluss

Zimmer im Schlammhaus in Kajak Club, so lautet etwa der Titel im Airbnb. Wir wollen eine Woche dorthin, buchen aber nur wenige Tage, da uns der Preis etwas teuer erscheint. Tatsächlich ist der direkte Preis dann ein Viertel davon.

Das alte Haus, renoviert von der jungen muslimischen Freundesbande, gehört Azims Grossvater. Etwas erhöht steht es beim breiten, 35 Grad warmen Fluss, umgeben von Kokos, Bananen, Kautschukbäumen und anderen kuriosen Pflanzen. Trotz der erheblichen Uferhöhe wurde vor wenigen Jahren das ganze Land und anliegende Orte meterhoch überflutet. Der Monsoon dauert meist von Juni bis in den späten September.

Der Fluss Chaliyar

Die etwa 10-köpfige Truppe fast gleichaltriger Jungs bastelt täglich voller Energie an Verzierungen, neuen Wegen und Infotafeln. 

Riveka Club

Wir befinden uns in einer vor allem muslimischen Gemeinde. In wenigen Tagen beginnt der Ramadan, und ein Abendessen (Iftar) mit 60 einander unbekannten Menschen wird hier stattfinden.

Azim findet zwei Ausländer prominent genug für das Iftar-Begrüssungsvideo:

Im Ramadan isst und trinkt man nicht, solange die Sonne am Himmel steht. So sind Azim und seine Freunde durch den Tag oft energielos, bei Sonnenuntergang gehen sie essen und um 10 Uhr abends sind sie geladen mit Energie.
Das ist dann der Zeitpunkt wo Azim uns lachend fragt, ob wir mitkommen in die Stadt für ein scharfes Getränk, dass einem das Wasser nur so aus Augen und Ohren läuft (so gestikuliert er es zumindest). Klingt spannend. Natürlich gehen wir mit. Er hat noch ein paar klapprige Töffs rumstehen. „Den nehme ich, da geht die Bremse nicht mehr.“, zwinkert er uns zu. Und schon sausen wir in die Stadt.

Diese Mengenangaben ergeben Masala-Sodas für die ganze Familie!

Wie zu erwarten, bin ich weit und breit die einzige Frau. In den letzten paar Tagen habe ich kaum Frauen gesehen. Es ist eine absolute Männerwelt. Doch komisch fühle ich mich nicht, denn wir werden von den jungen Indern, die sich an die Bar drängen, freudig begrüsst und natürlich fotografiert. Masala-Soda gibt es hier. Man könnte meinen, es wäre ein Bierausschank am Oktoberfest. Nur zu Ramadan entstehen diese Tresen, die das scharf, salzig, saure Getränk ausschenken.

Wir sind angekommen im weniger touristischen und für uns interessanteren Indien. Heute ist Iftar im Kajak Club. Durch all die sozialen Netzwerke treffen sich jeden Abend dieses Monats Menschen, die sich nicht kennen, an einem Ort zum gemeinsamen Abendessen. Den ganzen Tag kochten sie hier im Club Riveka, brauten Getränke aus Trauben und Wassermelonen und gaben dem Ort den letzten dekorativen Schliff.

Zum Iftar gibt es als Vorspeise Früchte, Samosas und andere frittierte Gebäcke. Zum Hauptgang Biryani (Reisgericht) mit Huhn, dazu selbstgemachter Trauben- und Wassermelonensaft.

Iftar

Fastenbrechen heisst auf Arabisch Iftar. Es ist das Abendmahl, das während des Ramadan von Muslimen eingenommen wird. Zumindest hier in Kerala finden Iftar-Treffen statt, wo sich Menschen durch soziale Netzwerke, wie das weit verbreitete Instagram, zusammenfinden und gemeinsam festlich zu Abend essen.

Die restlichen Tage im Riveka Club verbringen wir mit Fischen, Henna, Motorrad-Ausflügen und Kajak-Trips.

Zeit für Henna

Die Hennakunst beeindruckte mich bereits an der Hochzeit. Wie schnell und gleichmässig die Frauen das Kräutergebräu auf die Haut auftrugen. In Agonda fand ich Hennatüten. So versuchte ich es selbst. Gar nicht so einfach, die ruhige Hand braucht es und den richtigen Druck auf die Tube. Zudem ist Farbe nicht gleich Farbe. In Europa sind künstlich hergestellte Hennafarben verboten, da sie giftig sind. 100%iges Henna ist ungefährlich, das Einwirken dauert aber mehrere Stunden.

Letzter Halt: Kochi

Die letzten paar Tage in Indien verbringen wir in einem schönen Appartement in Kochi. Genügend Platz und nicht nur ein Zimmer, das hauptsächlich aus Bett besteht, ist für uns ein Muss, wenn wir uns länger irgendwo einrichten wollen. Die Stadt ist angenehm, mit kleinem touristischen Zentrum. Sie erinnert mit den Kanonen und den Bauten an eine Kolonialstadt wie etwa Cartagena in Kolumbien.

Im Kulturzentrum Kathakali in Fort Kochi finden jeden Tag mehrere Anlässe statt von Kampfkunst, traditionellen Tänzen bis zu klassischer indischer Musik. So gehen wir eines Abends dahin. Wir sind die einzigen Gäste. Es ist eine Improvisation Jahrhunderte alter südindischer Musik. Eine Frau singt Lieder in schnellem Tonlagen wechselnden Gesang, ein Musiker spielt die Tablas, ein anderer Mridangam.
Konnakol wird ein alter südindischer, extrem schneller Sprechgesang genannt. Ob es sich bei dem Gesang heute Abend um einen ähnlichen Stil handelt? Er erinnert zumindest zeitweise daran.
Die Musik fährt ein, bringt uns in Trance. Ich bin bald nur noch Ohren, welche die elektrische Ladung der Klangwellen aufnimmt, bis die Vibration im ganzen Körper spürbar ist. Eine absolute energetische Ganzkörpermassage.

Unser Flug nach Thailand steht vor der Tür. Hätten wir nicht schon vor Indien buchen müssen, wir wären noch lange hier geblieben. Wir befragen den Dschinn, ob wir uns einfach irgendwo verstecken versuchen sollten, damit wir bleiben können. Er antwortet:

Mhh… ja dann, wenn wir so darüber nachdenken: We do not. Wir verstecken uns nicht in Indien. Denn wir können ja wiederkommen. ☺☺☺

Den letzten Post über die Hochzeit in Mumbai schon gelesen?

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