Östgötaleden – eine kleine Wanderung durch Südschweden
Tag 1 – Von Heidelbeeren und Zweifeln
Zuerst bin ich voller Vorfreude auf den Wald, doch beim Packen überkommt mich die Nervosität. Ich werde schusselig, vergesse ständig, was mir noch fehlt, verliere den Überblick. Noch in letzter Sekunde – kurz bevor ich ins Bett gehe – treffe ich auf einen Teilnehmer des Nei-Gong-Workshops (an dem auch Simon teilnimmt). Da er hier immer in der Hängematte schläft, erzähle ich ihm stolz, dass ich mir nun auch einen selbstgebastelten Underquilt zugelegt habe – eine wärmende Lage, die man zusätzlich unter die Hängematte spannt. Und sofort denke ich: Das Mätteli, das ich dafür brauche, habe ich ja noch gar nicht eingepackt!
Sogar in der Nacht träume ich davon, ob ich lieber dieses oder jenes mitnehmen soll. Ein völliges Chaos. Doch der nächste Morgen bringt Ruhe. Die Nervosität ist wie weggeblasen, und ich weiss: Ich habe alles beisammen. Jetzt freue ich mich nur noch auf das Losgehen – die Minuten ziehen sich fast quälend langsam dahin.
Im Zug nach Rimforsa sehe ich Rothirsche auf den Feldern weiden. Als ich aussteige und in den Wald trete, kann ich mein Glück kaum fassen – schon nach ein paar Schritten nasche ich Heidelbeeren. Zielstrebig gehe ich weiter, ein Hej hier, ein Hej da. Die Schweden alle freundlich, alle lächelnd. Der erste Bach ist atemberaubend, fast dschungelig. In dieser Moorlandschaft ist das Wasser durch den Torf ganz dunkel gefärbt – wie riesiger, schwarzer Tee.
Mein erstes Ziel ist Trollegater, ein natürliches Höhlensystem, mit bis zu 110 Meter langen Höhlen. Betreten darf man es nur mit Helm und nicht alleine. Beides habe ich nicht – aber das macht nichts. Ein deutsches und ein Schweizer Paar mit vielen Kindern sitzt beim Grillen. Ich esse selbst was und gehe bald weiter.
Da ich nicht länger der Teerstrasse folgen will, wechsle ich spontan die Route: dem See entlang, auf einer Schotterpiste. Hier liegen überall die Bootsstege der Einheimischen, also will ich hier nicht übernachten – ich möchte morgens nicht von den ersten Frühaufstehern geweckt werden. Einen Schwumm nehme ich natürlich trotzdem.
Kurz verliere ich die Hoffnung, noch einen schönen Ort zu finden; ausserdem bin ich nicht mehr auf dem offiziellen Trail und weiss nicht, ob der Weg überhaupt durchgehend ist. Ist er überwuchert, ist er versumpft, oder auf privatem Grund? All das verbreitet zudem ein ungutes Gefühl in mir. Doch dann, plötzlich, leuchten die orangen Wegweiser wieder vor mir auf. Wir sind wieder eins, der Wald erstrahlt neu in sattem Grün.
Und kurz darauf stehe ich vor einem wunderschönen öffentlichen Badestrand. Hier bin ich richtig. Ein Tisch, eine Trockentoilette, sogar eine kleine Schutzhütte.
„Der Anfang ist schwer“ – das habe ich schon oft von anderen gehört, die losgezogen sind. Und das spüre ich auch hier, an meinem ersten Rastplatz. Ich sitze auf der Bank, und plötzlich fühle ich mich einsam und auch etwas traurig. Das Leben steht plötzlich still: Ich bin da, nichts geht weiter, und ich denke: Und was jetzt?
Dieses Gefühl – das Stehenbleiben –, das hatte ich in letzter Zeit öfter. Es war auch einer der Gründe, weshalb ich diese Wanderung antreten wollte. Es muss weitergehen. Irgendetwas muss weitergehen. Was genau, weiss ich noch nicht. Aber ein paar Tage Laufen helfen meistens, dem auf den Grund zu gehen.
Tag 2 – Torfpolster und Malexander
Gestern war es anders als heute. Heute bin ich viel gelassener. Und doch spüre ich, dass diese Gelassenheit erst der Anfang von etwas Grösserem ist – etwas, das ich auf langen Reisen fühle: ein Grundvertrauen in die Welt, in alles, was geschieht. Eine tiefe Gelassenheit. So weit bin ich noch nicht – aber immerhin bin ich heute ruhiger. Mir wird wieder bewusst, warum ich unterwegs bin. Und genau deshalb tut mir diese kleine Reise schon jetzt gut.
Gestern noch habe ich jeden Kilometer gespürt, jede Stunde, die ich unterwegs war. Der Blick aufs Navi hat das bestätigt. Heute hingegen bin ich planlos. Würde ich schätzen, wie weit ich schon gegangen bin – ich würde vermutlich völlig danebenliegen. Kilometer und Stunden verlieren ihre Bedeutung. Es könnten viele sein, oder auch nur wenige. Und es ist mir auch zunehmend egal. Und ich bleibe gefühlt bei jeder Blume, jedem Beerentraub, jedem Schmetterling staunend stehen. Vorwärts komme ich kaum 😀
Ab heute folge ich ausschliesslich dem Östgöta-Trail. Eine komplette Planänderung. Keine Abkürzungen mehr, die der Strasse entlangführen. Lieber nehme ich Umwege durch Wald und Busch in Kauf. Sie kosten Zeit, doch sie öffnen magische Welten.
Ein alter, herzlicher Schwede wünscht mir viel Glück auf dem Weg zu den Seen von Malexander. Doch die liegen noch 25 Kilometer entfernt. Auf halbem Weg beschliesse ich, bei einem grossen See zu baden, der ganz in der Nähe liegt. Nur: Keine Strasse, kein Weg führt dorthin. Also kämpfe ich mich 200 Meter durch den Busch. Torflandschaft mit Föhren und Heidelbeeren. Zweimal stolpere ich, falle hin mitsamt den etwa 13 Kilogramm Gepäck. Zum Glück fängt mich der weiche, dicke Torf auf wie ein Kissen. Am See finde ich schliesslich eine kleine Stelle, wo ich schwimmen gehen kann.
Danach wird der Weg anstrengender. Mir geht langsam, aber sicher die Puste aus – oder besser: Der Körper mag nicht mehr. Die Landschaft wird zunehmend hügeliger, der Trail ist ein ständiges Auf und Ab. Doch ich schaffe es, mit vielen Pausen, die jedes Mal unglaublich guttun. Hinsetzen. Schuhe ausziehen. Wasser trinken. Weitergehen.
Ein Getümmel und Geplauder habe ich am See vor Malexander erwartet. Doch da ist nur ein einzelnes Fischerboot, lautlos schwankend auf dem Wasser. Schon wieder bin ich allein.
Tag 3 – Der lange Tag
(Als ich diese Zeilen schreibe, weiss ich noch nicht, dass ich heute über 30 Kilometer gehen werde.)
Das ist das Schöne: wenn man nicht ständig auf die Uhr schaut. Und wenn, dann nur als kleines Amusement: „Ah Seraina, du bist ja perfekt in der Zeit! Sehr gut gemacht!“ Jetzt zum Beispiel ist es 9.30 Uhr. Ich bin seit 6.30 Uhr wach, habe gefrühstückt, das Camp abgebaut und mich am Morgen gefreut wie ein Kind. Jetzt habe ich ein Kichern im Bauch und bin losgezogen.
Geplant hatte ich das Ganze eigentlich anders: von Rimforsa über Asby nach Vimmerby, mit teilweise Trails, aber auch vielen Abkürzungen, um überhaupt kilometermässig hinzukommen. Auf dem Navigations-App OsmAnd hatte ich mir meine eigene Route gezeichnet. 25 Kilometer pro Tag, acht Tage insgesamt. So der Plan.
Jetzt bin ich bereits bei den totalen Planänderungen. Die Teerstrassen meide ich immer mehr, auch wenn mich das Umwege kostet. Mein schönes Zeitmanagement ist komplett über den Haufen geworfen. Heute wären es auf der ursprünglichen Route nur 22 Kilometer gewesen bis zum See mit Vindskydd (Schutzhütte). Auf dem Östgöta-Trail sind es 30.
Dazu kommen ein paar „Extras“: ganze Streckenabschnitte waren so überwuchert, dass ich den Pfad nicht fand oder mich verlief. Ein anderes Stück war so versumpft, dass ich mir einen eigenen Weg suchen musste – durch den Busch und sogar über privates Gelände. Wie eine Tarzan-Frau kroch ich aus dem Gebüsch, Haare voller Zweige, Pferde auf dem Privatgrund laut schnaubend und nervös. Ich kletterte durch Brennnesseln und über Zäune, bis ich wieder auf eine zivilisierte Strasse kam. Das alles kostet Zeit. Und es wird mir erst richtig bewusst, als es schon 18.30 Uhr ist und ich immer noch neun Kilometer vor mir habe.
Dafür hatte ich auch ein schönes Zusammentreffen mit einer sympathischen Schwedin. Solche kleinen Begegnungen sind ja auch ein Grund, warum ich unterwegs bin.
Um 20.20 Uhr kam ich dann schliesslich am See an. Das Navi meinte, ich bräuchte für die letzten neun Kilometer zweieinhalb Stunden – ich habe ihm gezeigt, dass es auch in eindreiviertel geht.
„It’s hot today!“ - Eine kurze Geschichte
Häuser am See haben meistens auch einen Seezugang: eine kleine Wiese, Liegestühle, ein Steg. Mein Weg führte genau zwischen Haus und Seezugang hindurch. Es war 18.30 Uhr. Ich war knapp bei Wasser, und mir wurde bewusst, dass ich mich sputen musste, um noch vor Sonnenuntergang anzukommen.
Da stand plötzlich ein Ziehbrunnen! Ich schleuderte das Gepäck zu Boden und stürzte mich mit der Flasche in der Hand auf das klapprige Ding. Es quietschte und klopfte beim Pumpen, aber das schöne Gurgeln des Wassers wollte nicht kommen. Kaputt.
Während ich mich tröstete, sprang ein Schwede in meinem Alter hinter den Büschen hervor und sagte etwas auf Schwedisch. Ich fragte nur: „Funktioniert der nicht mehr?“ Er begriff, dass ich kein Schwedisch spreche, und bot mir sofort Wasser aus seinem Haus an.
Ich wartete draussen. Da kam wohl seine Mutter, nur mit Badetuch um den Körper gewickelt. Sie wollte baden gehen. Das typische: „It’s hot today!“ kam – ein Satz, der bei warmem Wetter als Standard-Einstieg gilt – und sie wartete, dass ich ins Gespräch einsteigen würde. Natürlich tat ich das: „Jaja, es ist heiss, ich muss mir bald einen See für ein Bad suchen. Da drüben wäre es schön!“ Ich zeigte auf den Seezugang und dachte nicht im Geringsten daran, dass dieser privat sein könnte. Sie schaute mich so perplex an, dass ich es dann doch begriff und schnell hinterherschob: „Aber ich will noch etwas weiterlaufen.“ Ein erleichtertes Seufzen.
Der Sohn kam mit frischem, klarem Wasser zurück, ich bedankte mich und huschte davon. Wahrscheinlich war auch der Ziehbrunnen privat.
Tag 4 – Ferientag auf Trauminsel
Meine Glieder erinnern mich an die gut 30 km von gestern, sie schmerzen. Deshalb will ich heute nur 15 Kilometer bewältigen. Der Trail führt auf eine Insel im Sommensee. Ich werde also die Fähre nehmen, die Insel durchqueren und am südlichen Ende in einer Vindskydd übernachten.
Während ich noch hier sitze, nach dem Frühstück, und ein paar grosse tauchende Vögel, wohl Prachttaucher, beobachte, springen plötzlich vier fussgrosse Marderbabys verspielt fünf Meter vor mir am Seeufer entlang. Die Mutter habe ich wohl verpasst. Soooo süüüss!!
Auf der Fähre zur Insel freue ich mich über all die Kinder mit ihren blonden Schöpfen. Sie sind so wunderbar offen, kennen keine solche Berührungsängste wie die Erwachsenen. Auch später, im Camp nach meinem 15-Kilometer-Marsch – ich koche mir gerade einen Heidelbeerblätter-Tannenharz-Tee (der Geschmack des Seewasser hängt mir bereits zur Nase raus) – steuert ein Junge neugierig auf mich zu. Schon auf dem Weg ruft er laut „Hej!“. Ich lache und grüsse zurück. Doch leider rufen ihn seine Eltern gleich wieder zurück. Englisch hätte er wohl eh nicht gekonnt.
Der See ist dieses Mal belebt: rund zehn Familien, Paare oder Freunde plantschen und picknicken, wie im Bilderbuch. Ich fühle mich auffallend „anders“, nicht nur wegen meiner dunklen Haare, dem leichten Schweissparfüm und meiner etwas merkwürdigen Bekleidung. Ich scheine aus einer anderen Welt zu kommen – eine Wilde, eine, die ein klein wenig „eine Schraube locker“ hat.
Ja, ich fühle mich locker, denke nicht mehr darüber nach, wie ich mich zu verhalten habe. Bin etwas wirr, rede mit den Pflanzen, den Tieren und sogar mit dem Gaskocher. Ich bin nicht scheu, stehe aufrecht, schaue den Menschen ins Gesicht, suche den Blickkontakt, das Lachen. Ich mache, was ich tun muss oder will. Mit einer lockeren Schraube fällt alle Anspannung ab. Also los, weiter so!
Nur: den richtigen Grad der Lockerheit gilt es zu treffen – zu viel, und man verliert den (Zusammen-)Halt. Ein klein wenig losgelöst reicht.
Tag 5 – Kurzfristige Pläne zu den Brantefallet
Der Ort hier ist wunderschön, und auch andere haben entlang des Sees übernachtet. Nach den ersten Nacht, in der ich aus Unsicherheit nur leichten Schlaf fand, schlafe ich nun wie ein Stein. Wie ein Küken im richtigen Nest.
Der Östgöta-Trail ist zu Ende, ich plane nun wieder Tag für Tag. Vimmerby ist zu Fuss zu weit entfernt, Bus und Zug gibt es nur wenige in der Region. Aber in Asby soll es einen Bus nach Österbymo geben. Und dort in der Nähe sind die Brantefallet – ein Fluss, der sich über grosse, flache Steine ergiesst. Das wird also mein nächstes Ziel: insgesamt 16 Kilometer zu Fuss.
Mein motivationsgesteuerter Energiehebel war gestern weit unten, und auch heute Morgen geht es mir nicht anders. Erst als ich in Österbymo ankomme, kommt der Schub – plötzlich bin ich wieder voller Energie und wandere frisch und fröhlich durch den Wald.
Der grosse Gabelschwanz (Cerura vinula)
Wie man weiss, gibt es auf Friedhöfen meistens Wasser. Also füllte ich mir in Asby die leere Flasche. Doch beim ersten grossen Schluck merkte ich: Das war Regen- oder Seewasser!! Ich kippte es sofort weg und kaufte mir im Laden sauberes Wasser. Angekommen bei den Brantefallet – und zum Glück erst dort – begann die Säuberungsprozedur. Alle zehn Minuten rannte ich erneut in den Wald.
Doch das war das einzige Malheur. Ich sah einen ausgewachsenen Marder, sonnte mich auf den warmen Steinen, umgeben vom Plätschern des Wassers, wartete auf den angekündigten Sturm im Schutz meiner rausgeputzten Hütte (er kam nicht) und schlief auch diese Nacht wie ein Stein.
Tag 6 – Regen und Astrid Lindgren
Heute geht’s nach Hause – zurück in den Camper. Der Bus bringt mich nach Eksjö, dann weiter nach Vimmerby – die Stadt, in der Astrid Lindgren aufgewachsen ist.
Es regnet in Strömen. Ein kurzer Besuch in der Stadt, dann Zug und Bus nach Ljungsbro – zurück ins Trainingscamp.
Fazit
Was meine Wünsche für das Wie-Weitergehen betrifft – dieses Nicht-auf-der-Stelle-Treten-Wollen –, so hat mir das Laufen und Alleinsein tatsächlich geholfen. Ich bin gelassener geworden. Ich muss mein Leben nicht von heute auf morgen umkrempeln oder sofort eine perfekte Lösung finden. Auch auf das „richtige Angebot“ warte ich nicht mehr – es wird nie kommen. Ich werde Schritt für Schritt, aber stetig, weitergehen. Das Leben entfaltet sich von selbst, wenn man immer wieder einen Stein ins Wasser wirft – die Wellen breiten sich aus, und Neues kann geschehen.
Mir ist zudem klar geworden, was meine Essenz ist – nicht das, was ich will, sondern das, was ich bin. Dieser Unterschied ist wichtig für meine Entscheidungen.
Und ja, ich will wieder wandern, wieder Marder vorbeiflitzen sehen, Leute an ihrem Privatstrand erschrecken. Der Körper gewöhnt sich ans laufen, der Alltag ist so simpel und doch so tief.
Daten
- Ungefähre Wanderroute Google Maps
Durchschnittlich gelaufenen Km/T: ~23km - Infos zum Östgötaleden
- Naturkartan – Hilfreiche Karte und Infos
- Vindskydds Kartan (Windschutzhütten Karte)
- OsmAnd – eines etlicher Navigations-Apps, bis zu 7 Karten gratis. Meine Tour benötigte 3. Funktionierte einwandfrei.
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2 Kommentare
esther
Vielen Dank, liebe Seraina, für deinen lebhaften Bericht und den Einblick in deine wundersamen Erlebnisse. esther
Seraina
Danke für den lieben Eintrag. Seraina