Kolumbien,  Südamerika-Tour 2013-15

San Gil – Minca – Palomino

Südamerika-Tour 2013-2015 – Teil II

San Gil

Nach dem gewaltigen Bogota im übersichtlichen San Gil anzukommen, entspannt. Wir quartieren uns vorerst in einem Hostel ein, das von Silvain, einem Welschschweizer geführt wird, und machen uns auf einem Spaziergang einen ersten Eindruck des Städtchens. Mit seinen 45000 Einwohnern grösser als zuerst angenommen, ist es dennoch beschaulich. Es liegt eingebettet in grünen Hügeln, geteilt vom wilden Rio Fonce.

Im Parque Natural El Gallineral in San Gil

Für all die angebotenen Adrenalinkicks wie Riverrafting, Paragliding und Canyoning interessieren wir uns wenig. Wir wollen lieber wissen, wo wir uns hier für etwas länger einnisten können. Auf Airbnb.com stossen wir auf die Kaffee-Finca, auf der Justin und Andrea mit ihrem Sohn Inti und ihrer Tochter Sami leben (ihre Namen stammen aus der indigenen Sprache Quechua: Inti bedeutet Sonne, Sami Energie).

Unser erstes Treffen mit der anglo-kolumbianischen Familie findet im Zentralpark von San Gil statt, inmitten des Halloweenrummels. Kleine Batmans, Super Marios, Shreks, Prinzessinnen tummeln sich um uns. Die Kids haben sichtlich ihren Spass. Das Ganze ist ein riesiger farbiger Haufen, an dem wir uns kaum sattsehen können.
Dann stehen sie vor uns: Blutige, aufgerissene Gesichter, schwarze Augenhöhlen, Cowboy-Klamotten. Eine Zombie-Familie aus dem Wilden Westen.

La Pacha

Wir werden uns mit Justin und Andrea schnell einig und ziehen am darauffolgenden Tag bei ihnen ein. Schnell machen wir Bekanntschaft mit dem jungen gern etwas übereifrigen Boxer Lucho und der im Gegensatz kleinen ruhigen „Mini-Labradordame“ Foxi. Der ständig um Futter jammernde Puss und die bockige Ziege Manchita, die nicht lange nach unserer Ankunft ihre kleine Isi gebährt, vervollständigen die Familie.

Dann ist da noch Alex, ein junger englischer Voluntär, der Justin bei Konstruktionsarbeiten unter die Arme greift. Er hat Justin auf der Website workaway.info gefunden, die er uns wärmstens empfiehlt, falls wir auf unserer Reise durch Kolumbien und die Welt auch gerne im Austausch gegen Kost und Logie arbeiten und dabei heimische Menschen näher kennenlernen wollen.

Damit fangen wir gleich an. Nachdem wir zu Beginn noch Miete und Essen bezahlt haben, werben wir bei Justin und Andrea an und beginnen kurz darauf mit unserer Arbeit.

Und davon gibt es ausreichend. Möglichst bald wollen die beiden hier ein Hostel/Zeltplatz eröffnen. So einiges muss noch gebaut werden, manches ausgebessert: Jurten, Trockenklo, Camping-Küche, Hängemattenunterstand und ein alter Bus, der zu einer Chillout-Zone umgewandelt werden soll.
Während sich Seraina daran macht, das Logo und Design für das zukünftige „La Pacha Hostel“ zu entwerfen, nehme ich Pickel und Schaufel in die Hand…

Nicht nur die Arbeit und die schöne Region veranlassen uns, hier mehrere Wochen verstreichen zu lassen. Vor allem sind es Justin, Andrea und Alex, mit denen wir einen Abschnitt unseres Wegs teilen dürfen, und allen, die wir durch sie kennengelernt haben.
Nebst der arbeitsreichen Tage haben wir immer wieder Zeit für Ausflüge in die Umgebung; zum Beispiel ins Kolonialstädtchen Barichara oder an den zum Baden einladenden Fluss Pescaderito.

Ayahuasca

Wir möchten aber noch von etwas Anderem berichten:
Davon gehört und gelesen habe ich schon oft. Die Neugier, es selber auszuprobieren, hat nie nachgelassen.
Ayahuasca. Der Zaubertrank der Schamanen aus dem Amazonas. Die Medizin aus einer Liane, die einem dazu verhilft, mehr Klarheit über sein Leben zu gewinnen. Es heisst, sie soll mit einem aufräumen. Körperlich, mental, wie auch spirituell.
Grosse Worte. Stimmt das? Was steckt dahinter? Wenn ich das zu mir nehme, bin ich dann nicht mehr so, wie ich vorher war?

Durch Justin und Andrea lernen wir Juan, Claudio und die anderen kennen, die regelmässig Yaje-Zeremonien abhalten. „Yaje“ nennen sie den Trunk, in dessen Form man „la medicina“, die Medizin, einnimmt, ein anderes Wort für Ayahuasca also. Übersetzt aus dem Quechua heisst „Yaje“ etwa soviel wie „Liane der Toten“ oder „Ranke der Seelen“. Je nachdem.
Sie alle schwören darauf, so oft wie möglich Gebrauch von dieser Medizin zu machen, sich zu reinigen, sich mit dem Geist, der ihr innewohnt, zu vereinen und sich mit Gott zu verbinden.

(Ich gehe davon aus, du weisst, wenn ich von Gott spreche, dass ich nicht den grossen Bärtigen meine, das ist der Samichlaus. Ich rede von jenem, der deine Zimmerpflanze wachsen lässt, der deine Haut auf einem schönen Winterspaziergang erwärmt, den du in den Bäumen und Blumen riechst. Ich spreche von dem, der dir das Gefühl gibt, das du nicht beschreiben kannst, wenn du etwas Wundervolles erlebst. Jenes, das du fühlst, wenn du dich beim Lächeln ertappst ohne den Grund dafür zu wissen. Mit anderen Worten: Von jenem Gott, der in dir ist und in allem, das dich umgibt. Einem Gott, den wir uns in unserer verwestlichten Welt kaum noch vorstellen können, in vielen Ecken der Erde aber allgegenwärtig ist.)

Kathedrale in Barichara

Pablo, der zum Freundeskreis um Juan gehört, beschreibt die Wirkung von Ayahuasca so: „Es ist, als ob du für kurze Zeit eine extrem schnelle Internetverbindung hättest. Deine Gedanken sind vollkommen klar. Du weisst, wer du bist, woher du stammst, wohin dein Weg führen wird.“

Darauf bin ich gespannt. Wir sagen zu, an einer Zeremonie teilzunehmen. Um uns darauf vorzubereiten, müssen wir einen Tag lang fasten, was bedeutet, dass wir nur Früchte und viel Wasser zu uns nehmen, vor allem aber keinen Alkohol, Tabak, Kaffee und Tierprodukte. Das zum Zweck, die Reinigung zu vereinfachen, um die Wirkung zu intensivieren. Aber auch um unsere Mägen für die kommenden Anstrengungen zu rüsten.

Um Neun Uhr abends treffen wir auf der kleinen Finca ein. Juan, seine langen schwarzen Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, wird die Zeremonie leiten. Er empfängt uns mit einer Umarmung und stellt uns Claudio vor, der ihm assistieren wird. Sie beide sind ungefähr in meinem Alter und tragen Kleidung der einheimischen Indios. Ausserdem ist Magdalena zugegen. Sie ist eine Schamanin, eine Heilerin, wie wir später erfahren, und wird die etwa acht Teilnehmer ebenfalls durch die Nacht begleiten und ihnen behilflich sein.

„Wir sassen am Feuer und warteten. Meine Nervosität steigerte sich. Irgendwie wusste ich, dass die Erfahrung positiv sein würde, dass es auf jeden Fall vieles zu lernen gab. Dennoch beherrschte mich eine Furcht vor einem „Beinahe-Tod“, dem Sturz ins Ungewisse, dem dominiert werden von etwas, das ich nicht kannte. Nicht dagegen streuben, hiess es. Einfach ruhig durchatmen und es geschehen lassen.
Zuerst wollte Juan etwas über unsere Konsumgewohnheiten erfahren. Ob wir trinken, rauchen, gerne scharf essen, und so weiter. Da wir das meiste mit ja beantworteten, wusste er, dass zuerst unsere Körper, hauptsächlich die Nieren, gereinigt werden mussten. Also erhielten wir je ein grosses Glas einer bitteren weisslichen Schlacke, die wir hinunterzwingen mussten. Und tatsächlich ging es nicht lange und wir beide sprangen in die Büsche und entleerten unsere Mageninhalte.
Bald darauf begann Juan mit der Zeremonie. Er wies uns darauf hin, worum es ging. Den Geist der Medizin müssen wir arbeiten lassen, ihn fragen, was wir von ihm wissen wollen. Die allmächtige Kraft in der Natur erkennen und uns mit ihr verbinden. Weg von der Oberfläche und der Oberflächlichkeit, tief in uns gehen.
Während Claudio uns mit Kopal einräucherte, sprach Juan Gebete, beschwor mit Palmenwedel und Mundharmonika die Geister, uns zu helfen. Jeder von uns bekam einen kleinen Schluck aus einem Hülsenfruchtbecher. Das Zeug schmeckte bitter, irgendetwas Fermentiertes.
Danach legten wir uns alle hin, ein paar ans Feuer, andere etwas weiter weg in die Dunkelheit.
Lange geschah nichts. Eine unmerkliche Ruhe überkam mich. Ein Gefühl, Mutter zu sein, alles im Griff zu haben und alle beschützen zu können.
So hätte ich die ganze Nacht verbringen können. Dann wurde die Wirkung immer stärker. Gut, dachte ich, jetzt ist es soweit. Wie beim Gebären gleichmässig atmen und immer wissen, dass dieser Zustand vorbeigeht. Trotz optischen Veränderungen flaute die erdrückende Wirkung mit der Zeit etwas ab.
So wechselte es immer wieder von innen nach aussen, von der inneren Gefühls- in die Aussenwelt. Wie ein Pulsieren, das mal stärker wurde, sich dann wieder abschwächte.
Nach Stunden fühlte ich mich, als erwache ich aus einem Fiebertraum. Mein Körper gebadet in Schweiss. Ich stellte mir vor, wie alles Schlechte aus ihm rausgedrückt würde und liess ihn weiter schwitzen.
Als nächsten Schritt blies mir Juan mit einer Arte Pfeife reinigenden Schnupftabak ins eine, dann ins andere Nasenloch. Mir wurde augenblicklich schwindlig und liess mich schnell am Feuer nieder. Mühsam kroch ich an den Rand des Platzes, um mich vollständig zu übergeben. Erstaunlich, wie viel da raus kam. Es fühlte sich an, als würde mir alle Energie entzogen. Zitternd versuchte ich mich aufzustützen, damit ich wieder und wieder spucken konnte.
Dann endlich war es vorbei. Mein Körper fühlte sich wie eine leere Hülle an, trotzdem war mir jetzt wohl. Wie neugeboren, von allem Schlechten befreit, verbunden mit der Erde, dem Leben und meinem Körper. Mein Verstand, mein Geist, vollkommen klar.
Nach einem Schluck Wasser sank ich zurück auf die Matte, um meinen müden Körper zu entspannen. Es spielte weiter vor meinen Augen, doch ich fühlte mich gut, klar und bereit für das Leben.
Irgendwann im Verlaufe der Nacht setzte sich Magdalena zu mir hin. Ihre Hüfte an meiner, über mich gebeugt, begann die Schamanin auf mich einzureden. Ich war zuerst verwirrt. „Was macht sie da? Kommt sie jedem gleich so nah? Muss ich mich jetzt wirklich auf dieses Gespräch konzentrieren?“
Das war schwer. Gerne hätte ich ihr gesagt, sie solle mir ihre Lebensgeschichte doch später erzählen, ich würde gerne etwas liegen und schlafen. Ich schwieg jedoch. Ich dachte mir, ich könnte ja immerhin versuchen, etwas mitzubekommen.
Mit der Zeit gelang mir das dann auch. Sie erzählte mir von ihrer Begeisterung für das Leben: „Ich liebe es zu lachen und einfach zu tun, was mir gefällt. Läuft mir jemand über den Weg, der Schlechtes ausstrahlt, lasse ich ihn in Ruhe. Er hat sein Leben, ich hab meines. Jeder muss für sich selbst lernen. Jeder Mensch ist nur ein Mensch. Wenn man das weiss, kann einem nichts mehr passieren.
Ich war in Bogota, in den gefährlichen Strassen. Ich hatte keine Angst. Denn wenn du weisst, dass jeder nur Mensch ist, verbindest du dich mit jedem, liebst alle auf eine gewisse Art. Dein Gegenüber merkt das und geht anders mit dir um. Wenn du glücklich bist im Herzen, weisst du, wer du bist und wohin du willst.
Du hast ein Feuer im Bauch und weisst, wenns dir gefällt, bleibst du, wenns dir nicht mehr gefällt, gehst du weiter. Du fixierst dein Ziel, reckst die Brust und schreitest mutig voran ohne Schwierigkeiten zu meiden. Auf dem einfachen Weg lernt man weniger als auf dem schweren. Denn das ist, was du willst: Lernen, vorankommen und keine Angst vor dem Leben haben. Alles Wissen, das du benötigst, ist bereits in dir.
Als ich klein war, hatte ich keine Bücher. Wir hatten kein Geld dafür. Ich bekam keine Ausbildung. Einmal konnte ich aber von einem Freund ein Buch ausleihen, das mir sehr gefiel. Meine Freunde meinten, ich könne das Buch ohne Bildung gar nicht verstehen. Mir war egal, was sie sagten. Ich verstand es und mir gefiels.
Damals habe ich gemerkt, dass man alles verstehen kann, wenn man sich und das Leben versteht.Man braucht keine Bildung, um zu verstehen. Man braucht kein Geld, um seinen Weg zu gehen. Ein starker Wille ist viel wichtiger. Zuviel Bildung verwirrt den Verstand.
Ich lerne, was ich im Moment brauche und konzentriere mich darauf. Brauche ich später doch noch etwas Anderes, lerne ich es eben dann. Ich geniesse den Tag und lache. Mein Lachen bringt andere zum Lachen, das sich weiter und weiterträgt. Ein von mir gepflanzter Samen verstreut sich.
Niemand, kein Herrscher, kein Reicher kann über mich befehlen. Ich bin ein Geschöpf der Natur, wie wir alle, und Niemandes Untertan. Ich schaue voran und folge mutig meinem Willen.“

Irgendwann schlief ich ein. Es war bereits hell als uns Claudio mit einer heissen Panela (Zuckerwasser) und einem Stück Brot aufweckte. Ich stand auf, noch nicht ganz bei Sinnen, aber wie neugeboren.“

(Natürlich hat Seraina einige Sachen in ihrem Bericht weggelassen. Dinge von persönlicher Natur. Gefühle und Erkenntnisse, die nur sie betreffen.)

Für mich war es eine sehr anstrengende Nacht. Ich musste mich einige Male übergeben. Vor allem nach dem von Juan verabreichten Schnupftabak, der mir das Gehirn ganz ordentlich rausgeputzt hatte, fing die Medizin etwas an zu wirken. Aber nicht allzu stark.
Ich hatte das Zeitgefühl völlig verloren, schlief immer wieder kurz ein. Claudio kümmerte sich um mich, wollte wissen, wie es mir ginge, ob sie schon wirke, was in mir passiere. Ich bemühte mich um Antworten, konnte mich aber kaum konzentrieren.
Mein Körper vibrierte. Warum machte ich die Zeremonie mit? Was sollte mir die Medizin zeigen?

Als Claudio später zurückkam, hatte ich eine Antwort errungen.
„Paciencia“ – Geduld. Dann begann er, mir zu erklären, was das bedeute. Angestrengt hörte ich zu. Ich müsse geduldiger sein, mit meinem Mitmenschen, mit der Welt, aber in erster Linie mit mir selber. Nicht nur das. „Paciencia“ bestehe aus zwei Wörtern: „Paz“ und „Sciencia“, also aus Frieden und Wissenschaft.

Er deutete dies so, dass Innerer Frieden zu erreichen nicht einfach sei. Eine Wissenschaft für sich. Man müsse sich dafür einsetzen. Innere Zufriedenheit sei nicht eine gegebene Sache, sondern etwas, das man mit täglichem, bewusstem Üben anstreben müsse.
Unser Gespräch dauerte an.
Mich überkam keine Erleuchtung in dieser Nacht. Viel eher eine Erkenntnis: Dass ich all das bereits wusste. Das Was? war mir klar. Mit Hilfe der Atmung ins Hier und Jetzt zurückkehren, im Moment leben, sich in andere Menschen und deren Situation versetzten, geduldig sein im Leben…

Aber Wie? war es zu erreichen? Der Geist der Medizin hat mir auf die Schultern getippt und mit dem Zeigefinger darauf hingewiesen. Übung macht den Meister. Jeden Tag die Dinge BEWUSST erledigen. Die geistige Arbeit spielt eine wichtige Rolle: Meditation, Yoga, Tai Chi. Alles kann hilfreich sein.

Am anderen Morgen, als ich aufstehe, spüre ich die Wirkung meiner letzten Portion. Sie liegt mir schwer auf. Tausende Bläschen surren durch meinen Körper. Das muss ich nicht nochmal erleben, denke ich. Ich überwinde mich, nochmals meinen Magen zu entleeren. Dann endlich fange ich an, mich klar und stark zu fühlen. Was für ein schöner Tag hat gerade begonnen!

Ayahuasca #2

Nicht lange danach, etwa drei Wochen später, hören wir, dass Justin und Andrea Besuch von einem Freund erhalten. Mit ihm haben sie schon unzählige Yaje-Zeremonien erlebt.
Seraina und ich sind noch immer auf der Finca tätig, doch es kitzelt uns. Es ist Zeit weiterzuziehen, das Meer und die Sierra Nevada rufen uns. Dennoch, diese Gelegenheit wollen wir nicht verpassen.

Der kleine Herr, den Justin über die Finca begleitet, um ihm unsere Arbeiten zu zeigen, stellt sich uns als Hugo vor. Der Mann strahlt etwas Aussergewöhnliches aus. Die Luft um ihn herum scheint zu vibrieren. Als er von der Medizin zu erzählen beginnt, von der Weisheit in ihr, von Gott und der Natur, in der er allgegenwärtig ist, wird mir klar, dass Hugo all das verkörpert, was ich mir unter einem Schamanen aus dem Dschungel von Amazonas vorgestellt habe.
Nachdem wir unseren Wunsch geäussert haben, erklärt er sich spontan bereit, uns morgen durch die Nacht zu führen.

Es ist schon nach Acht und bereits mehr als zwei Stunden dunkel auf unserer Finca, als er ankommt und den Tisch, den wir behelfsmässig zum Altar umfunktioniert haben, mit seinen sieben Sachen schmückt. Alex, Seraina und ich warten bereits am Feuer, Justin und Andrea werden sich später zu uns gesellen (so auch Lucho und Foxi, ihre zwei Hunde, die die Nacht draussen mit uns verbringen wollen).

Hugo spricht mit den Geistern, singt, macht Geräusche. Die Stimmung passt sich ihm an. Dann räuchert er den ganzen Platz mit Kopal aus.
Wir beginnen, indem er jeden von uns mit dem Wedel reinigt, für uns Gebete spricht und uns eine süssliche Flüssigkeit von allen Richtungen über Gesicht, Hände und Körper spuckt. Dasselbe wird er zum Abschluss der Session nochmals tun.
Als wir alle vorbereitet sind, folgen wir ihm einzeln zum Altar. Dort wird uns eine wuchtige Prise Tabak durch die Nase gepustet. Das zwingt mich beinahe in die Knie und mir wird schlecht.

Etwas später, als wir komplett sind, bekommen wir das bittere Lianengemisch zu trinken und legen uns ans wärmende Feuer, wo wir uns bereits vorher mit Matten und Decken eingerichtet haben. Die Hunde kuscheln sich zu uns. Ab und zu stehe ich kurz auf, lege Holz nach, sehe in die Runde. Seraina, Alex, Andrea, Justin. Alle liegen sie da. Warten ab. Oder spüren sie schon etwas?

Ich lege mich ebenfalls wieder hin und warte. Einmal schlafe ich kurz ein. Dann merke ich Hugos Anwesenheit neben mir. „Como estas? Bien?“, fragt er. Ich spüre etwas. Ein körperliches Beben. Es rauscht und „chrüselet“ überall. Ja, mir gehts gut, aber die Medizin wirkt nicht voll.

Im Verlauf der Nacht nimmt Hugo seine Gitarre zur Hand und fängt an zu singen. Die Klänge wehen zu mir herüber, über mich hinweg. Irgendwann setzt sich Hugo wieder zu mir. Ich solle mich auf die Musik konzentrieren. Passiert etwas? Es ist schön, entspannt mich. Ich schwebe in anderen Sphären, versuche meinen Körper abheben zu lassen. Es surrt und vibriert.

Doch viel mehr passiert nicht. Fragen nach Visionen verneine ich. Vielleicht halte ich meine Emotionen immer noch hinter Barrikaden, statt ihnen freien Lauf zu gewähren; worauf mich schon Juan bei der letzten Zeremonie hingewiesen hat.

„Es ist ein Prozess“, erklärt mir Hugo,„bei dem du Fortschritte erzielen kannst, wenn du dich der Medizin anvertraust und ihr deine Absichten offenbarst.“

Die Medizin. Ich spüre sie arbeiten. Langsam liegt sie mir schwer auf dem Magen. Mich übergeben kann ich aber nicht. Seraina erzählt mir später, dass es ihr gleich ergangen ist. Ich sage es Hugo, der mich Pullover und T-Shirt ausziehen lässt und anschliessend wie am Anfang mit Palmenblätterwedel, Gesängen und der Flüssigkeit, die er mir über den nackten Körper speit, durchputzt.

Ich fühle, wie mir die Galle langsam hochkommt. Zur Krönung kriege ich einen weissen Saft zu trinken. Ich nehme nur einen Schluck – und springe. Das Gebräu kommt mir augenblicklich hoch. Uff, das hat gut getan!
Im Gegensatz zu mir ist Seraina auf tiefe Ebenen hinabgesunken. Ich beneide sie. Sie reagiert auf solche Dinge viel feinfühliger, hat, dünkt es mich, viel mehr davon.
Während ich schon schlafe, befindet sie sich noch weit, weit weg, auf ihrer ganz persönlichen Reise.

Obwohl ich in dieser Nacht nur wenige Einsichten gewonnen habe, hat mir die Zeremonie dank Hugos besonderen Aura sehr gefallen. Am nächsten Morgen fühle ich mich trotz des wenigen Schlafes rundum sauber und wohl. Ich wünsche jedem Menschen auf dieser Welt, dass er und sie wenigstens einmal im Leben dieses sorgenlose Gefühl des Leichtseins (-sein nicht -sinn!), das mich im Augenblick beherrscht, am eigenen Körper, wichtiger noch, in der Seele erfahren kann. Ich hoffe, wir werden Hugos Einladung, ihn am Amazonas zu besuchen, nachkommen.

Kolumbiens Karibikküste

Minca

Ehe wir uns versehen, ist unser Monat im Casa Feliz in Minca um. In dieser Zeit lernten wir das Dorf und seine Umgebung besser kennen. Auf Wanderungen durch die Sierra, auf denen uns meist ein oder zwei Hunde aus dem Dorf begleiteten, gab es immer wieder Neues zu bestaunen. Von den Pozos Azules (vom Wasser geformte Becken) zu verschiedenen Wasserfällen passierten wir desöftern Unterkünfte mitten in den Wäldern der umliegenden Berge.

So abgelegen wie sie auch sein mögen, verirren sich nicht wenige Touristen dorthin. Auch uns gefiele es, ein paar Nächte da draussen in den Bergen zu verbringen. Wir sind aber sehr zufrieden mit unserem Häuschen in Minca und verweilen oft einfach zu Hause, lesen, schreiben, malen, spielen, kochen, essen und geniessen.

Als dann nach Weihnachten mehr und mehr Touristen an die Küste und auch nach Minca strömen, wird es beinahe geschäftig im Dorf. Minca hat sich herausgeputzt. Die Hotels und Restaurants sind voll. Auch wir nutzen das aus und stellen unser Schmuck am Fluss aus.
Es sind wie schon in Mexiko vor allem einheimische Touristen, die gerne Geschenke für Freunde und Familie machen und bei uns einkaufen (hier kannst du unsere Mexiko-Geschichte nachlesen).

Ende Dezember läuft unsere Aufenthaltsbewilligung für Kolumbien ab, genau dann, als unser Monat im Casa Feliz endet. Wir überlegen hin und her, ob wir kurz nach Venezuela reisen sollen, das nur ein paar wenige Stunden entfernt liegt, um danach nach Kolumbien mit frischen drei Monaten im Pass zurückzukehren.

Am Ende entschliessen wir uns, im Migrationsamt in Santa Marta eine neue Erlaubnis zu kaufen. Je umgerechnet vierzig Franken bezahlt, dürfen wir ungestört bis Anfang April durch Kolumbien reisen.
Wir verlängern eine Woche in Minca, denn so schnell wird es uns hier nicht langweilig. Da aber im Januar höchste Hochsaison herrscht, verdoppeln sich fast überall die Preise für Unterkünfte.
Wir schauen uns um und finden schliesslich im Internet ein Hotel im berüchtigten Taganga, das Cabañas für einen so günstigen Preis anbietet, dass es irgendwo einen Haken haben muss.

Zu Neujahr gönnen wir uns einen unterkühlten Kinoabend: Der Hobbit 3D 😀

Taganga

Nichtsdestotrotz buchen wir es für fünf Tage und haben doppeltes Glück.
Zum einen lernen wir den 61-Jährigen Besitzer des Hotels Miguel Angel kennen, mit dem wir uns schnell verbünden. Denn in seiner Küche steht ein Backofen. Ins frische Brot, das Seraina daraus hervorzaubert, verliebt er sich auf den ersten Biss. Ausserdem gibt es fast täglich frischen Fisch von den hiesigen Fischern, den wir zusammen mit Miguel Angel auf dem Grill zubereiten. Da wird sogar Seraina zum Pesquetarier.

Auf der anderen Seite hat der Hotelpreis tatsächlich einen Haken. Entweder liegt der Fehler bei Miguel Angel oder aber bei der Firma Hostelworld, auf deren Website man Hostels in der ganzen Welt suchen und buchen kann. Irgendwie wurde auf ihrer Homepage der Punkt für die Mietsumme falsch gesetzt, was dazu führte, dass nicht nur wir zu einem zehnmal geringeren Preis in Miguel Angels Cabaña wohnen dürfen.

Gewissensbisse wegen Miguels Verluste verfliegen schnell. Wir befreunden uns mit ihm und bereichern unsere gemeinsame Zeit gegenseitig.
Schon Mauricio in Bogotá hat uns wissen lassen, dass die einen Taganga lieben und die anderen es hassen. Und auf welcher Seite stehen wir jetzt?

In diesem kleinen Fischerkaff, in dem seit einigen Jahren auswärtige Investoren mit Hotels und Diskotheken das grosse Geld schäffeln und so die Einheimischen immer weiter verdrängen, kann man jeden Abend Party machen. Wer das sucht, ist am richtigen Ort.
Wer es wie wir lieber etwas ruhiger hat, hält es in Taganga wohl nicht lange aus. Da wir aber auf Miguel Angel und seine hübschen Bambus-Bungalows getroffen sind, gefällt es uns hier ziemlich gut. Die trockene Hitze und der starke Wind zeichnen den Charakter Tagangas ebenfalls aus.

Auch hier versuchen wir unser Glück auf der Strasse und gliedern uns zwischen den unzähligen Artesanos ein. In zwei Tagen verkaufen wir zwei Schmuckstücke. Das mag sich für andere lohnen, für uns jedoch nicht.
Lieber verbringen wir unsere Zeit mit Miguel in seiner ruhigen Zuflucht, als mit all den Leuten auf den Strassen von Taganga.

Zum ersten Mal in Palomino

Unser nächstes Ziel auf unserer Reise ostwärts der Karibikküste entlang heisst Palomino. Von einem Artesano haben wir von „La Casa de Simon“ erfahren. Wir fragen danach und finden es schnell. Es ist keine Herberge im eigentlichen Sinn, dennoch hat es den Anschein, dass es die meisten Leute anzieht, die in diesem kleinen Dorf vorbeikommen.
Das liegt wohl daran, dass es sich hauptsächlich um junge Artesanos, Musiker und andere Künstler handelt, die hier bei Simon im Zelt oder einer Hängematte zu einem entgegenkommenden Preis übernachten und sich austauschen können.

Palomino ist magisch. Wie Minca liegt es nahe der Sierra Nevada. Gespiessen von Wasser aus den über 5000 Meter hohen Schneebergen leuchtet es grün und fruchtbar aus der trockenen Umgebung heraus.

Wo sich Fluss und Meer treffen

In den Bergen leben die Kogis. In Palomino trifft man oft auf Angehörige der in weisse Gewänder, die Männer ausserdem mit weissem, grossem Hut bedecktem Haupt, gekleideten Indigenen. Sie sind kleine Leute, die zurückgezogen in Dörfern hoch oben in den Bergen wohnen. Trotzdem scheinen sie offen zu sein für Menschen, die sich für ihre Kultur und Weisheiten interessieren. Wir hören von verschiedenen Leuten, dass sie sich mit ihnen austauschen, mit ihnen zusammen arbeiten und leben, um voneinander zu lernen.
Nicht nur Dschungel und Berge ziehen Menschen an, auch der Ozean und ein traumhafter Palmenstrand bezaubern immer mehr Touristen und Reisende. Noch ist es eher ruhig in Palomino, aber bereits jetzt ist eine touristische Entwicklung zu spüren. Bleibt abzuwarten, wohin sie führen wird.

Eines Tages lernen wir Nat aus Australien kennen. Er erzählt uns, dass er sich vor Kurzem ein kleines Stück Land ergattert hat und nun in Palomino lebt. Nicht schlecht, denken wir, und hören ihm gespannt zu, als er erwähnt, dass es noch weitere günstige Angebote in Palomino gäbe. Davon aber mehr später.

Cabo de la Vela

Denn unsere Reise endet ja nicht in Palomino. Wir nehmen den Bus nach Riohacha, der Hauptstadt von La Guajira, von wo man mit Auto und 4×4-Jeep durch die Wüste bis nach Cabo de la Vela gelangt. Hier auf der Halbinsel, ganz im Nordosten Kolumbiens nahe der venezolanischen Grenze, leben vor allem Indigene, die Wayuus. Cabo ist ein kleines trockenes Nest, das Meer bewegt sich kaum, dafür bläst ständig ein trockenheisser Wind.
Zuerst wissen wir nicht recht, was wir hier suchen. Durch den Tag ist es einfach zu heiss, um sich an die pralle Sonne zu wagen. Nur früh am Morgen und abends ist es ratsam, spazieren zu gehen. So machen wir es dann auch.

Noch vor Sonnenaufgang wandern wir los, um die umliegende Wüste, Salzsee und Küste zu erkunden. Kakteen und so viele verschiedene Arten von Gestein, dass nicht nur einem Geologen die Augen überquellen, bescheren uns einen äusserts interessanten Tag. Bald aber brennt die Sonne wieder so stark, dass nicht einmal der Wind erfrischen kann.
Es gäbe hier draussen noch vieles zu unternehmen. Die weiter weg liegenden Strände und der Macuira-Nationalpark, der mitten in der Wüste eine Oase für eine bedeutende Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen darstellt, sind schwer zu erreichen und dementsprechend teuer.

Land kaufen in Palomino

Nach drei Tagen fahren wir zurück nach Riohacha und später weiter nach Palomino, wo uns Geschäfte erwarten.
Kaum sind wir zurück, nehmen wir Kontakt zu Nat auf, der uns wie versprochen zuerst seine Errungenschaft, das Stück Land, auf dem er bald sein eigenes Haus bauen will, vorführt und uns schliesslich durch seine Nachbarschaft begleitet.

Auf Landsuche in der Sierra oberhalb Palomino

Auf unseren Wunsch hin zeigt er uns eines der zum Verkauf stehenden Stück Ländern und stellt uns den Nachbarn vor. Sollen wir das wirklich tun? Leisten könnten wir es uns. Nur müssen wir uns bald entscheiden. Den Palomino wächst und so auch die Preise.
In den kommenden Tagen informieren wir uns über verschiedene andere Möglichkeiten, darunter sind Hektaren von Dschungel, die so billig zu haben sind, dass wir uns gleich mehrere kaufen könnten.

Land kaufen mittem im Dschungel?

Nach einigen Tagen entscheiden wir uns dann aber tatsächlich für jenes kleine Land im Dorf, das uns Nat als erstes gezeigt hat. Darauf steht nichts als ein paar Mango- und Orangenbäume, Bananenstauden, Kokospalmen und Zuckerrohr.
Der Deal läuft glatt über die Bühne. Ohne Weiteres sind wir frische Landbesitzer in Kolumbien!
Ja, und jetzt?

Aufräumen auf unserem neuerwerbten Ländchen

Zurück in Minca

Jetzt gehen wir erst mal reisen. Einem Freund geben wir den Auftrag, während unserer Abwesenheit auf unser Land aufzupassen und es sauber zu halten. Bevor wir daran denken können, uns ein eigenes Häuschen zu bauen, müssen wir erst einmal genug Geld zusammen sparen. Aber erst in ein, zwei Jahren wollen wir diese Idee in Realität umsetzen.
Zunächst reisen wir über Taganga zurück nach Minca, wo wir einen Teil unseres Gepäcks bei einer Freundin aufbewahren.

Im Vogelparadies Minca

Was wir uns bis jetzt aufgespart haben, ist eine Wanderung hoch zum Gipfel Kennedy, von wo aus man morgens früh die Schneeberge der Sierra Nevada sehen kann. Morgens um Fünf marschieren wir los. Per Anhalter können wir uns einen grossen Teil des Wegs schenken. Trotzdem ist es ein langer Marsch hinauf durch den Wald. Die Vegetation ändert sich je höher wir steigen. Immer mehr Moos und Farnpalmen, schliesslich auch Tannen schmücken den Weg.

Der anfangs dunkelblaue Himmel bewölkt sich, je weiter der Morgen voranschreitet. Erst gegen Mittag, schon über 3000 Meter hoch, kommen wir oben an. Was wir unten schon ziemlich sicher gewusst haben, bewahrheitet sich jetzt. Statt weisse Berggipfel sind es dichte Wolkenschwaden, die uns erwarten. Nur ab und zu erhaschen wir einen Blick auf Berge in der Ferne. Jedoch keine schneebedeckten.

Dennoch ist die Wanderung ein Genuss, auch noch, als uns beim Abstieg schon die Füsse schmerzen. Plötzlich raschelt es in den Baumwipfel und wir entdecken eine Horde Brüllaffen. Unter den vielen Vögel, die uns stets pfeiffend und trillernd begleiten, können wir ein paar Tukane beobachten, die sich aber nur ungern fotografieren lassen.
Pünktlich zu Sonnenuntergang sind wir zurück im Hotel Mirador bei Fernando und Margerita. In ihrem grünen Garten zelten wir die letzten Tage in Minca, während uns die Kolibris um die Köpfe schwirren.

Wir reisen in den Süden

Auf der Rückreise nach Bogotá machen wir einen Stopp auf der anderen Seite der Sierra Nevada, in Valledupar. Mehr als zwei Tage halten wir es aber kaum aus in den fast vierzig Grad im Schatten. Gerademal am Fluss ist es angenehm. Wir saugen kräftig Hitze und Sonnenstrahlen in uns auf, denn uns erwarten siebzehn Stunden in einem Kühlschrank auf Rädern.

Bei angenehm heissen Temperaturen im Rio Palomino

Als wir endlich um Sieben Uhr morgens in der Hauptstadt ankommen, ist es auch dort nicht wärmer. Nun, nach über drei Monaten warmen Sonnenschein tut die kühle Luft gar nicht so schlecht.

Allzu lange möchten wir trotz der unübertrefflichen Gastfreundlichkeit von Mauricio und Vivi dennoch nicht in dieser Riesenstadt verweilen. Gerade mal lange genug, um mit ihnen ein bisschen Zeit zu verbringen und unsere weiteren Pläne zu konkretisieren. Denn bald sollen wieder Grenzen überschritten werden. Ecuador, Peru, Bolivien, Chile erwarten uns bereits auf der anderen Seite.

Südamerika-Tour 2013-15

Zurück zu Teil I:

Südamerika-Tour 2013-15

Weiter zu Teil III:

Schreib dich unten für den Newsletter ein, um nichts aus dem Nimmerwoland zu verpassen. Wir freuen uns über Kommentare und hoffen, dass dir die Lektüre gefallen hat!

Photographs 📸 - Travels 🌎 - Stories 📒 In English and German

Ein Kommentar

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

de_DEDeutsch